GR20 Corsica: Schwerster Fernwanderweg Europas im Schnelldurchlauf

Nach einer Woche Urlaub in Italien stand für Schamel Athletin Anni noch eine Woche Bergtraining in den Alpen auf dem Plan. Doch der Wetterbericht versprach nur eins: Regen. So drängte sich in Pisa die Frage nach einer Alternative auf. Beim kurzen Blick auf google maps sprang Anni sofort die Fährverbindung von Livorno nach Bastia ins Auge – klar, der GR20 auf Corsica musste es sein! „Die Inseldurchquerung gilt als schwerster Fernwanderweg Europas und stand schon länger auf meiner To-Do Liste. Also habe ich einfach spontan ein Ticket für den nächsten Tag gebucht“, berichtet die Schamel Läuferin.

Auf der Fähre startet Anni die Planung. Insgesamt gilt es 15 Etappen von Nord-West nach Süd-Ost zu durchlaufen. Zeit bis zum Rückflug: 5 Tage. Los geht der offizielle Weg in Calenzana – der Bus fährt allerdings nur bis zur 14km entfernten Küstenstadt Calvi. „Soll ich dir für morgen ein Taxi bestellen?“ erkundigt sich der nette Jugendherbergswart Louis am Vorabend. Es folgt ein Dialog, an den Anni noch des Öfteren während der Tour zurückdenkt:

Anni: „Nein, danke. Ich laufe einfach in der Früh noch kurz nach Calvi rüber, bevor es losgeht.“

Louis: „Und danach willst du noch in die Berge UND noch die erste Etappe laufen?“

Anni (etwas kleinlaut): „Naja, also eigentlich will ich danach noch in die Berge und die ersten BEIDEN Etappen laufen. Ich habe nicht so viel Zeit.“

Louis: „Willst du etwa immer 2 Etappen pro Tag laufen?“

Anni (jetzt richtig kleinlaut): Naja…. Also eigentlich will ich danach eher 3 bis 4 Etappen pro Tag laufen. Wie gesagt, ich habe nicht so viel Zeit.“

Louis: „Das ist unmöglich.“

Anni: „Ich habe nicht so viel Gepäck dabei wie die meisten anderen.“

Louis: „Unmöglich. Soll ich dir das Taxi bestellen?“

5 Tage, 204km, 12.500hm später denkt Anni grinsend an Louis zurück: „Im ersten Moment hat mich die Unterhaltung echt beunruhigt – immerhin kommt Louis aus der Gegend und kennt sich aus“, erinnert sich Anni, „gleichzeitig hat sie mich später an den kräftezehrenden Stücken – und davon gab es ein paar – motiviert. Irgendwie wollte ich Louis und mir selbst beweisen, dass das nicht unmöglich ist.“

Am nächsten Morgen geht es zum Sonnenaufgang los (zu Fuß natürlich) und in Calenzana warten Kaffee und Frühstück auf die Schamel Athletin. Dann beginnt er: Der GR20. „Die Landschaft ist einfach beeindruckend“, erzählt Anni, „schroffe Felsen und recht alpines Gelände. Gleichzeitig kann man an vielen Stellen das Meer sehen.“ Nach 33km und 2400hm ist schon der Übernachtungsplatz erreicht. Vor der Hütte kann ein bereits aufgebautes Zelt mit Isomatte gemietet werden und warmes Abendessen gibt es auch. „Die Bedingungen sind echt klasse auf dem GR20“, schwärmt Anni, „Für die Übernachtung muss man nur den Schlafsack dabeihaben. Das spart enorm Gewicht.“

Für den nächsten Tag sind nur 22km geplant, allerdings in technischem Gelände und mit knappen 2.800hm. „Wenn ich lange Etappentouren alleine laufe, gibt es immer wieder extreme Hochpunkte. Ich fühle mich im Einklang mit der Natur, genieße die Landschaft, und lasse meine Gedanken mit der stetigen Bewegung schweifen. Das liebe ich. Genauso gibt es aber auch die Momente, in denen ich mich frage ‚was mache ich eigentlich hier?‘ Direkt am zweiten Tag hatte ich so einen Tiefpunkt“, verrät die Schamel Athletin, „genau auf dem Weg zum höchsten Punkt der Tour fing es an zu gewittern und zu hageln. Die Steinplatten waren glatt, ich war komplett durchnässt, es war kalt und es gab keine Möglichkeit, sich vor dem Gewitter zu verkriechen“. Doch so schnell wie es kommt, so schnell verzieht sich das Gewitter auch wieder und mit der Sonne kommt auch die gute Laune zurück.

Nach einer erholsamen Nacht startet Anni zum Sonnenaufgang in Tag 3: Der landschaftlich schönste Abschnitt der Tour.  Vorbei an etlichen Seen und über spannende Kraxel-Passagen hinweg führt es die Schamel Athletin 45km bis zum Etappenziel. Nachdem Anni bisher mit ihrer Etappenplanung meist nur auf Unverständnis bei den Wanderern gestoßen war, kommt ihr kurz vor der Hütte der erste andere Trailläufer entgegen. Francois macht die Tour in nur drei Tagen. „Ich laufe aber auch immer die Nacht durch“, erzählt er. „Das ist auch etwas, das mich am Trailrunning so fasziniert“, grinst Anni, „immer, wenn man sich selbst schon irgendwie verrückt vorkommt, findet man noch jemand verrückteren.“

Der vierte Tag startet mit dem wohl schönsten Sonnenaufgang und endet nach 44km und knapp 2700hm mit dem schönsten Untergang – einfach ein Traum! Für den letzten Tag hat Anni sich 4 Etappen und 48km vorgenommen. Das erste Teilstück führt nach Vizzavona, der einzigen Ortschaft auf dem Fernwanderweg. Viele Wanderer steigen hier am Bahnhof ein oder aus, um nur die Nord- oder Südroute zu laufen. Anni nutzt die Gelegenheit für ein stärkendes Frühstück mit echtem Kaffee und zwei Schoko-Croissants. Danach führen Etappen zwei und drei vorbei an Wasserfällen, Flüssen und bizarren Felsformationen. Beim Kräftesammeln vor Etappe 4 bekommt Anni Gesellschaft von von Chris und Lisa. Die beiden sind auch drei Tage zuvor losgelaufen – allerdings vom Bahnhof. „Nach der gemütlichen Pause nochmal alle Kräfte aufzuraffen, um noch eine weitere Etappe zu laufen, war schon hart“, denkt Anni an den Moment zurück, „aber dafür war es umso schöner, am geplanten Etappenziel anzukommen“.

Am nächsten Morgen läuft die Schamel Athletin nach ein paar letzten Downhill-Kilometern glücklich am Endpunkt der Tour ein – genau passend zum Bus nach Bastia und Rückflug nach Deutschland. „Eigentlich hätte ich gerne noch einen kurzen Abstecher bei Louis gemacht und ihm ein Glas Schamel Merrettich mit den Worten der Kren macht´s überreicht“, scherzt Anni, als sie später ihren Schamel Teamkollegen vom Corsica Abenteuer erzählt.